Der Unterschied zwischen Katalog und Wahrheit

Relativ bald habe ich gemerkt, dass in den tollen Hochglanzprospekten der Fernrohrhersteller theoretische Werte zu finden sind, die mit der (bzw. meiner) Realität wenig zu tun haben und nur unter optimalen Bedingungen gelten. Hier einige Beispiele aus dem Katalog eines namhaften Herstellers:

Öffnung Auflösungsvermögen Grenzgröße visuell
4 Zoll 1,1 Bogensek. 12m4
8 Zoll 0,56 Bogensek. 14m0
10 Zoll 0,45 Bogensek. 14m5

Wow, diese Rohre müssen ja der absolute Überhammer sein! Leider ist dem nicht ganz so, und ich versuche jetzt, der Wirklichkeit etwas näher zu kommen.

Auflösungsvermögen

Darunter versteht man die Winkeldistanz zweier Sterne 6. Größenklasse, die unter optimalen Bedingen gerade noch getrennt werden können. Erstens: Alle Teleskope mit zentraler Obstruktion (Fangspiegel) haben in der Regel einen etwas geringeren Kontrast und können daher dieses Limit schon nicht mehr erreichen (Faustregel: Um das Kontrastverhalten eines Spiegelfernrohres abzuschätzen, sollte man vom Hauptspiegeldurchmesser den Fangspiegeldurchmesser abziehen, womit sich der vergleichbare Refraktordurchmesser ergibt). Zweitens: Wie oft findet man Doppelsterne mit je 6. Größenklasse? Bei größeren Helligkeitsunterschieden wird der schwächere Partner nämlich oft einfach überstrahlt. Drittens: Wie oft sind die atmosphärischen Bedingungen wirklich optimal? Ich persönlich freue mich, wenn ich mit meinem 10" Newton ca. 2" Abstand gut trennen kann. Bei über 200facher Vergrößerung und guter Luft geht das dann aber wirklich locker. Schließlich will ich wirklich zwei Punkte erkennen und nicht nur einen länglichen Streifen als Andeutung eines engen Doppelsterns. (Die geringste Distanz, die ich bisher mit meinem 10-Zöller aufgelöst habe, war 1,0 Bogensekunden.) Aber kein Grund zur Panik: Es gibt auch im Bereich über 2" mehr als genug schöne Doppelsterne.

Grenzgröße

Bei der Grenzgröße wird in Katalogen oft angenommen, dass ein Mensch mit einer 6 mm großen Pupille Sterne bis zur 6,5. Größenklasse sieht. Das passiert mir leider nicht sehr oft. Folgende Formel für die Grenzgröße habe ich einmal gefunden:

mag = mag.auge + 2,5 * Lg((D/d)^2)

mag = Grenzgröße im Fernrohr
mag.auge = Grenzgröße mit freiem Auge
Lg = Zehnerlogarithmus
D = Durchmesser von Objektiv bzw. Spiegel
d = Durchmesser der Pupille

Da auf einigen Computern mit dem natürlichen Logarithmus ("LN") gerechnet wird, müsste die Formel dann wie folgt aussehen:

mag = mag.auge + 2,5 * LN((D/d)^2)/LN(10)

Ich nehme nun vorsichtigerweise an, mit einer 7 mm großen Pupille nur Sterne 5. Größenklasse zu sehen. Das liefert mir dann beispielsweise beim 10-Zöller eine Grenzgröße von 12,8. Und tatsächlich bin ich in durchschnittlichen Nächten froh, wenn ich Sterne dieser Helligkeit noch halbwegs klar erkennen kann (also nicht nur indirekt bei höchster Vergrößerung). Im Internet habe ich im September 95 gelesen, dass manche Astronomen oft Sterne bis 7 mag freiäugig sehen. Mag sein, dass das für irgendwelche hochgelegenen Wüstengebiete im Südwesten der USA gilt, mir persönlich ist es aber lieber, ich habe Werte vor mir, die ich in den meisten Beobachtungsnächten bei uns in Mitteleuropa wirklich erreichen kann. Und wenn dann einmal ein Supertag ist, na dann freu ich mich halt, wenn ich ein oder zwei Größenklassen mehr sehe.

Okulare

Gerade Weitwinkel-Okulare werden mit ihrem immensen Gesichtsfeld beworben. Das sollte man aber durchaus selbst prüfen, bevor man es glaubt. Das geht relativ einfach: Einen möglichst himmelsäquatornahen Stern um die Zeit des Meridiandurchgangs bei abgeschalteter Nachführung durchs Okular ziehen lassen (natürlich beim vollen Durchmesser, nicht irgendwo am Rand); die gestoppte Zeit dieses Durchgangs (in min) durch 4 dividieren, was das wahre Gesichtsfeld ergibt. Wahres Gesichtsfeld mal Vergrößerung ergibt das in den Prospekten angegebene scheinbare Gesichtsfeld. Beispiel: Ein Stern braucht für die Durchquerung bei 50facher Vergrößerung genau 4 Minuten; 4 / 4 = 1 Grad wahres Gesichtsfeld; 1 Grad * 50 = 50 Grad scheinbares Gesichtsfeld. Ich habe z. B. ein Okular, das laut Prospekt 82 Grad Eigengesichtsfeld hat; beim praktischen Test ergaben sich rund 10 Grad weniger! Allerdings gilt das nur unter der Annahme, dass die Vergrößerung über das ganze Gesichtsfeld gleich ist, was - so habe ich mir sagen lassen - nicht immer der Fall ist.

Seherlebnis

Aber auch bei dem, was mit den einzelnen Geräten zu sehen ist - dem Seherlebnis - steht in den Katalogen oft mehr, als man sich erwarten sollte. Besonders vorsichtig sollte man mit "Kundenzitaten" sein, die in der Praxis oft nur schwer nachvollziehbar sind. Einige Beispiele sollen das veranschaulichen, wobei ich nochmals darauf hinweise, dass diese Angaben unter optimalen Bedingungen sicher erfüllbar sind, nur sollte man nicht glauben, in "normalen" Nächten all die angegebenen Dinge sehen zu können. Ein wichtiger Faktor beim Seherlebnis ist auch die Beobachtungserfahrung. Ein geübter Beobachter kann im gleichen Fernrohr bei den gleichen Bedingungen viel mehr erkennen als ein Laie; Erfahrung mit ähnlichen Objekten, die Technik des indirekten Sehens usw. spielen dabei eine wesentliche Rolle.

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© 2000, Wolfgang Stroh, Linz/Austria